Liquid Content: Warum die wichtigste KI-Frage oft vor dem Chatbot beginnt.
Ein Medienhaus hat Tausende Artikel im Archiv. Trotzdem findet die Suche auf eine konkrete Leserfrage oft nur Stichworte und Trefferlisten. Die Redaktion besitzt das Wissen – aber ihre digitalen Angebote können daraus nicht ohne Weiteres eine nachvollziehbare Antwort formen. Braucht es dafür den nächsten Chatbot?
Beim kress Innovation Day am 8. Oktober 2026 fragte der Moderator Johannes Sommer, CEO des KI-Unternehmens Retresco, wie groß der Markt für dialogische Nachrichtenangebote werden könnte. Sommer lenkte den Blick weg von der Reichweitenprognose. Entscheidend sei zunächst, ob Inhalte überhaupt so aufbereitet sind, dass KI sie gezielt erschließen kann.
Nicht das Gesprächsfenster ist der Anfang. Sondern das Wissen dahinter.
Sommer spricht von Liquid Content: Wissen wird nicht ausschließlich als fertiger Artikel betrachtet, sondern in nachvollziehbare Bausteine gegliedert. Eine KI muss erkennen können: Ist eine Aussage Fakt, Meinung oder Zitat? Woher stammt sie? Wie aktuell ist sie? Wer darf sie weiterverwenden? Erst mit solchen Angaben wird aus einem Textbestand eine Grundlage für verlässliche neue Anwendungen.
Was das ermöglicht, zeigte Sommer an drei Beispielen: Redaktionen können ihre Archive in natürlicher Sprache durchsuchen; Leser können Fragen an journalistische Inhalte stellen; Fachanwender erhalten Antworten mit Fundstellen und Zeitbezug. Er beschrieb auch, wie ein Fachverlag Webinare transkribiert, Inhalte strukturiert und nach redaktioneller Prüfung für weitere Produkte erschließen kann. Gerade hier ist ein veralteter Rechtsstand kein kleiner Schönheitsfehler – er kann die Antwort unbrauchbar machen.
Die Technik allein löst das Problem also nicht. Quellen, Gültigkeit, Nutzungsrechte und menschliche Prüfung gehören zur Wissensarchitektur. Das ist die Voraussetzung dafür, dass aus vorhandenen Inhalten neue journalistische Angebote entstehen können.
Die Frage reicht weit über Medienhäuser hinaus
Der Transfer in andere Branchen ist eine BrainFarming-Ableitung, keine Behauptung Sommers: Auch Agenturen, Selbstständige und kleinere Organisationen bewahren ihr Wissen in Angeboten, Präsentationen, Videos, E-Mails und Projektunterlagen auf. KI-Werkzeuge können viele dieser Inhalte verarbeiten. Aber können wir zuverlässig sagen, welches Dokument gilt, wer es verantwortet und wofür es verwendet werden darf?
Der kurze Wissenscheck
Fünf Fragen zur eigenen Organisation – ohne Technikprojekt und ohne neue Software:
- Wiederkehrende Fragen: Welche Frage beantworten wir im Arbeitsalltag immer wieder neu?
- Fundstellen: Wo liegen die drei verlässlichsten Quellen für diese Antwort?
- Gültigkeit: Woran erkennen wir, welche davon aktuell und fachlich geprüft ist?
- Verantwortung: Wer darf die Informationen nutzen, verändern oder weitergeben?
- Nutzen: Wem würde es konkret helfen, dieses Wissen künftig einfacher und nachvollziehbar abzurufen?
Das Ergebnis ist zunächst keine KI-Lösung, sondern eine Bestandsaufnahme. Vielleicht fehlen Daten. Vielleicht sind Rechte unklar. Vielleicht ist das Wissen gut dokumentiert, aber nicht auffindbar. Erst wenn der Engpass sichtbar ist, lässt sich über eine geeignete technische Lösung entscheiden.
Vom Wissenscheck zum nächsten Schritt
Was der Wissenscheck sichtbar macht, ist noch keine Bestellung für KI. Es ist eine Entscheidungsgrundlage: Welches Problem soll gelöst werden – und welcher Weg ist dafür angemessen? Manchmal reichen klarere Zuständigkeiten oder besser dokumentierte Quellen. Manchmal helfen Schulung, ein schlanker digitaler Prozess oder ein begrenzter KI-Anwendungsfall. Entscheidend sind Wirkung, Aufwand und überprüfbare Ergebnisse.
Hier setzt BrainFarming an: mit einem multiperspektivischen Blick aus Journalismus, systemischem Denken, Medienpraxis und KI-Kompetenz. Wir klären Bedarf und Annahmen kritisch, entwickeln möglichst kleine, ressourcen- und budgetbewusste Schritte und prüfen, ob die Lösung im Alltag trägt – technologieoffen statt KI um jeden Preis. Nicht als pauschales Wirkungsversprechen, sondern als Arbeitsanspruch.
Wer den eigenen Wissenscheck einordnen und daraus eine sinnvolle nächste Entscheidung ableiten möchte, findet mehr zu unserer Denk- und Arbeitsweise in der BrainFarming Denkschule – oder nimmt direkt Kontakt auf.
Über den Autor und BrainFarming
Björn Hülbert ist Journalist, Medienschaffender und systemischer Coach. Mit BrainFarming verbindet er journalistische Quellenarbeit, audiovisuelle Kommunikation, KI-Anwendungen sowie AI und Future Literacy. BrainFarming ist sein persönliches publizistisches und beratendes Konzept – keine eigenständige KI-Redaktion.
Kontakt
brainfarming.de · bjoern.huelbert@brainfarming.de · LinkedIn
Quelle und Transparenz
Johannes Sommer, „Liquid Content und KI im Journalismus“, Vortrag und Diskussion beim kress Innovation Day, 08.10.2026. Grundlage ist ein bereitgestelltes Transkript; Aussagen sind sinngemäß wiedergegeben, keine wörtlichen Zitate. Die Übertragung auf weitere Organisationen sowie die BrainFarming-Beratungsperspektive sind eigene redaktionelle Ableitungen. Der Artikel entstand mit KI-Unterstützung und steht unter menschlicher redaktioneller Verantwortung.
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