Was kommt nach dem Network Thinking?
2015 veröffentlichte Ulrich Weinberg sein Buch Network Thinking. Darin stellte er eine einfache, aber weitreichende Frage:
Was kommt nach dem Brockhaus-Denken?
Gemeint war der Wandel vom linearen Lernen mit festem Wissen hin zu einer vernetzten, ko-kreativen Denk- und Arbeitsweise. Weinberg, Leiter der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut, beschrieb damit eine neue Kultur des Lernens und der Zusammenarbeit.
Elf Jahre später leben wir bereits in einer anderen Wirklichkeit.
Generative KI, neuronale Netzwerke und digitale Assistenten sind Teil unseres Alltags. Sie schreiben Texte, beantworten Fragen, empfehlen Serien, planen Reisen, erstellen Bilder und unterstützen Entscheidungen. Zwischen Mensch und Maschine entsteht eine neue Form der Zusammenarbeit – eine Mensch-Maschine-Symbiose.
Die eigentliche Frage lautet deshalb heute:
Reicht Network Thinking noch aus, um diese neue Realität zu verstehen?
Ich halte Weinbergs Buch gerade gebraucht in den Händen. Ein schlicht gestaltetes Hardcover, graue Kartonoberfläche, kräftiges Orange, Scribble-Grafiken – fast schon ein Zeitdokument. Das Buch ist inzwischen nicht mehr regulär im Verlag erhältlich. Seine zentrale Fragestellung ist jedoch aktueller denn je.
Vielleicht stehen wir bereits vor der nächsten Entwicklungsstufe.
Nicht mehr Network Thinking, sondern KI-Work Thinking.
Vom Network Thinking zum Zero-Click-Web
Immer häufiger verlassen wir das offene Internet gar nicht mehr.
Wir stellen eine Frage und erhalten sofort eine fertige Antwort. Quellen verschwinden hinter Wahrscheinlichkeiten. Recherche wird durch Zusammenfassungen ersetzt. Aus dem World Wide Web entsteht zunehmend ein Zero-Click-Web.
Die Maschine liefert.
Schnell.
Komfortabel.
Überzeugend.
Doch was verlieren wir dabei?
Eine Frage zur Selbstreflexion
Gehst du eigentlich noch ins Internet?
Suchst du selbst nach Quellen, vergleichst unterschiedliche Perspektiven und liest Originaltexte?
Oder konsumierst du überwiegend bereits aufbereitete Wissenshäppchen aus ChatGPT, Claude oder anderen KI-Systemen?
Beides hat Vorteile.
Wer KI nutzt, sollte lernen, präzise zu prompten.
Wer sich auf KI verlässt, sollte gleichzeitig darauf achten, das eigenständige Denken nicht zu verlernen.
Denn Orientierung entsteht nicht allein durch gute Antworten.
Sie entsteht durch gute Fragen.
Warum der Brockhaus heute wieder aktuell ist
Vielleicht ist genau deshalb der symbolische Griff zum Brockhaus aktueller denn je.
Nicht, weil wir gedruckte Lexika zurückhaben möchten.
Sondern weil sie für etwas stehen:
für eigenständige Recherche,
für Geduld,
für den Weg zum Wissen.
Vielleicht war das letzte wirklich wichtige Lernereignis gar keine KI-Antwort.
Vielleicht war es ein Buch.
Ein Gespräch mit Freunden.
Eine Diskussion in der Familie.
Oder die scheinbar einfache Frage:
„Wie machst du eigentlich dein Pesto?“
Genau dort entsteht Erfahrungswissen.
Nicht als fertiges Ergebnis.
Sondern als gemeinsamer Denkprozess.
Zurück zum analogen Denken
Mein Vorschlag ist einfach.
Greif wieder häufiger ins Bücherregal.
Ob Brockhaus, Bibel, Roman oder die Aufbauanleitung eines Billy-Regals, spielt zunächst keine Rolle.
Entscheidend ist, dass wir Inhalte wieder selbst erschließen.
Trefft euch anschließend analog – im Park, im Wald, auf einer Wiese oder an einem anderen inspirierenden Ort. Oder veranstaltet einen digitalen Science Slam mit Freunden.
Jeder bringt drei Erkenntnisse mit.
Nicht die perfekte Antwort.
Sondern die spannendste Entdeckung.
Denn Wissen wächst, wenn Menschen darüber sprechen.
Das maschinell geförderte Nicht-Denken
Während immer leistungsfähigere neuronale Netzwerke entstehen, lagern viele Menschen ihre kognitiven Prozesse zunehmend an Maschinen aus.
Das spart Zeit.
Es spart Energie.
Aber es verändert auch unser Denken.
Recherchekompetenz, kritisches Hinterfragen, kreatives Kombinieren und die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, können darunter leiden.
Wir beobachten das längst in anderen Bereichen.
Wenn wir einen guten Burger essen, fragen die wenigsten den Koch nach Zutaten, Rezept oder Zubereitung.
Wir konsumieren das Ergebnis.
Mit KI geschieht etwas Ähnliches.
Wir übernehmen Antworten, ohne den Denkweg dahinter nachvollziehen zu können.
Brainfarming
Vielleicht sollten wir deshalb Weinbergs Idee konsequent weiterdenken.
Vernetzt euch.
Aber bleibt unabhängig.
Werdet zu lebendigen Brockhaus-Lexika – nicht, weil ihr alles wisst, sondern weil ihr neugierig bleibt.
Sammelt Erfahrungen.
Prüft Quellen.
Stellt bessere Fragen.
Teilt Erkenntnisse.
Lasst euch inspirieren.
Und versteht Nichtwissen nicht als Schwäche, sondern als Ausgangspunkt lebenslangen Lernens.
Denn Zukunft entsteht nicht dadurch, dass Maschinen immer besser denken.
Sie entsteht dadurch, dass Menschen das Denken nicht aufgeben.
Hinterlasse einen Kommentar