Einführung von „Symbiothese“ als Prozessbegriff:
Symbiothese beschreibt einen Übergangszustand zwischen Werkzeugnutzung (Instrument), Symbiose (Kooperation) und Synthese (Integration) als eigenständigen theoretischen Gedanken.
Durch die alltägliche Symbiose von Mensch und Maschine – etwa in der Navigation, der sprachgesteuerten Kommunikation oder der digitalen Wissensorganisation – sowie durch die experimentelle Synthese biologischer und künstlicher neuronaler Systeme, beispielsweise in Gehirn-Computer-Schnittstellen (Brain-Computer Interfaces) wie denen der US-amerikanischen Firma Neuralink, entstehen neuartige Formen der Mensch-Maschine-Kopplung.
Diese Entwicklung verändert das Verhältnis des Menschen zu seinen eigenen Werkzeugen grundlegend. Werkzeuge, die ursprünglich als Erweiterungen menschlicher Handlungsmacht geschaffen wurden, entwickeln zunehmend eine eigenständige Wirksamkeit innerhalb gesellschaftlicher Prozesse. Der Mensch bewegt sich dabei vom souveränen Schöpfer technischer Systeme zum Nutzer komplexer Infrastrukturen, deren Funktionsweise und Auswirkungen häufig nur noch teilweise verstanden werden. In vielen Bereichen wird er zugleich zum unfreiwilligen Teilnehmer groß angelegter technologischer Experimente.
Begünstigt wird dieser Verschmelzungsprozess durch die Tatsache, dass Menschen häufig so handeln, als würden Maschinen sie tatsächlich verstehen. Über Jahrtausende waren Werkzeuge passive Objekte menschlicher Nutzung. Selbst Thor sprach nicht mit seinem Hammer. Moderne digitale Systeme hingegen reagieren auf Sprache, erzeugen Antworten und simulieren Verständnis. Dadurch entsteht der Eindruck eines dialogischen Gegenübers.
Aus Sicht von Alfred Schütz und Peter L. Berger entstehen Lebenswelten durch gemeinsam geteilte Bedeutungen. Moderne KI-Systeme teilen diese Bedeutungen nicht in menschlichem Sinne; sie verarbeiten statistische Muster und Wahrscheinlichkeiten. Dennoch behandeln Menschen Maschinen zunehmend als kommunikative Akteure. Dadurch entsteht eine neue hybride Lebenswelt:
Menschen erzeugen Bedeutungen, Maschinen verarbeiten und strukturieren sie, und beide beeinflussen gemeinsam die gesellschaftliche Wirklichkeit.
Ein Beispiel hierfür sind digitale Veröffentlichungsplattformen. Ein Autor formuliert eine Botschaft und veröffentlicht einen Artikel. Der zugrunde liegende Algorithmus entscheidet, wem dieser angezeigt wird. Aufmerksamkeit, Reichweite und Sichtbarkeit werden somit maschinell mitgesteuert.
Der Autor reagiert auf diese Bedingungen und passt Inhalte, Stil oder Themenwahl an die Logik des Algorithmus an. Der Algorithmus wiederum verarbeitet die neuen Inhalte und verändert seine Verteilungsmuster. Es entsteht eine rekursive Kopplung: Mensch und Maschine beeinflussen sich gegenseitig durch fortlaufende Rückkopplung (Feedback).
Symbiose + Synthese = Symbiothese
Der gegenwärtige Entwicklungsprozess der Mensch-Maschine-Beziehung lässt sich weder allein durch den Begriff der Symbiose noch ausschließlich durch den Begriff der Synthese beschreiben. Daher soll der Begriff Symbiothese die wechselseitige Beeinflussung und schrittweise Verschmelzung zu einer hybriden Lebensform versinnbildlichen.
Der Begriff verbindet zwei Ebenen:
- Symbiose: Kooperation, Wechselwirkung und gegenseitiger Nutzen.
- Synthese: Integration, Emergenz und die Entstehung von Neuem.
Symbiothese bezeichnet den Prozess, bei dem ursprünglich getrennte Systeme – Mensch und Maschine – durch fortdauernde Wechselwirkung schrittweise eine neue gemeinsame Handlungseinheit hervorbringen, ohne ihre jeweiligen Eigenschaften vollständig zu verlieren.
Aus kybernetischer Sicht entsteht dabei durch wechselseitige Rückkopplung und Anpassung ein hybrides, selbstregulierendes Informations- und Handlungssystem.
Die Frage der Souveränität
Wie bleibt der Mensch steuerungsfähig, wenn er Teil eines umfassenden Mensch-Maschine-Regelkreises wird?
Die Antwort der Kybernetik lautet: Der Mensch bleibt souverän, wenn er die Meta-Regelung des gemeinsamen Systems behält – also die Fähigkeit, die Bedingungen, Ziele und Regeln der Zusammenarbeit selbst zu überprüfen und zu verändern.
Dann wird Symbiothese nicht zur Abhängigkeit, sondern zu einer kooperativen Erweiterung menschlicher Handlungsfähigkeit.
Hierfür sind insbesondere folgende Kompetenzen erforderlich:
- Reflexionsfähigkeit
Fähigkeit, das eigene Verhalten und die Wirkungen technischer Systeme kritisch zu beobachten. - Zielsetzungsfähigkeit
Fähigkeit, eigene Werte, Ziele und Prioritäten zu formulieren. - Informationskompetenz
Fähigkeit, Informationen und Rückmeldungen kritisch zu interpretieren. - Autonomie der Aufmerksamkeit
Fähigkeit, Aufmerksamkeit bewusst zu steuern und nicht ausschließlich algorithmischen Anreizen zu folgen. - Lernfähigkeit
Bereitschaft, neue Werkzeuge zu integrieren sowie Gewohnheiten zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verlernen. - Technologische Souveränität
Grundlegendes Verständnis technischer Systeme, ihrer Abhängigkeiten und möglicher Alternativen. - Identitätsstabilität
Bewahrung von Selbstbestimmung, moralischer Verantwortung und Sinnorientierung.
Der Mensch darf Informationen, Gedächtnis, Analyse und Berechnung an technische Systeme delegieren. Sinn, Werte, Zielsetzung sowie die Kontrolle über die Rückkopplungsprozesse – das Steuerrad des gemeinsamen Systems – sollte er jedoch nicht vollständig aus der Hand geben.
Literatur
Schütz, Alfred (1932): Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt.
Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas (1966): The Social Construction of Reality.
Wiener, Norbert (1948): Cybernetics: Or Control and Communication in the Animal and the Machine.
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